Aus dem Rundbrief 03/2004

 

„Was lange dauert, wird gut“ - so sagt man.

 

Nun, wenn es unsere Räume für die Dokumentations- und Begegnungsstätte betrifft, mag das hoffentlich stimmen.

Vor über einem Jahr wurde uns durch die Stadt Barth die ehemalige Hausmeisterwohnung der Diesterwegschule in Barth zur Nutzung übergeben - in einem baulich erbärmlichen Zustand (vgl. Foto).

 

Nachdem die so genannte Stelengruppe unseres Vereines im November 2003 die letzte der sechs Stelen auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers aufgestellt war und der Öffentlichkeit übergeben wurde, stand die Konzeption für die große Ausstellung 2005, anlässlich des 60. Jahrestages der Befreiung Deutschlands vom Hitlerfaschismus, im Mittelpunkt unserer inhaltlichen Arbeit.

Barth, die Stadt mit einem Konzentrationslager, einem Gefangenenlager Stalag Luft I und Barth als Garnisionsstadt - also Barth von 19331945, wird das Thema dieser Präsentation sein. Dafür haben wir Geld bekommen.

 

Aber – diese Ausstellung muss in Räumen untergebracht werden. Diese wiederum müssen entrümpelt, saniert und renoviert werden. 15.000,00 Euro würde dies wohl kosten, hatte man uns gesagt. Geld, das wir nicht haben. Und so entwarfen wir einen Minimalplan, legten „Subotnik“, also Arbeitseinsätze, fest und gingen auf Geldsuche.

Heute sind wir so weit, dass die allernotwendigsten handwerklichen Aufträge ausgelöst werden können und wir hoffen, im Spätherbst dem Graphiker die renovierten Räume für seine Aktivitäten übergeben zu können.

Dieter Flechsig ist der Koordinator all der praktischen Arbeiten.

 

Inzwischen ist auch der Text für die Stele „Stalag Luft I“ fertig und am 28. September 2004, sechs Jahre, nach dem der Gedenkstein gesetzt wurde, werden wir die Stele der Öffentlichkeit übergeben.

 

Von März bis August 2004 besuchten mehrere Angehörige ehemaliger Kriegsgefangener des „Stalag Luft I“ sowie ehemaliger Häftlinge des KZ Barth die Gedenkstätten und den „Lern- und Gedenkpfad KZ Barth“.

Seit einigen Jahren ist zu beobachten, dass die Kinder ehemaliger Häftlinge und Kriegsgefangener mit deren Enkel nach Barth kommen.

 

Im März waren es Richard Johnson und sein Sohn Andy aus Georgia, im Juni Carlisle Walter Limehouse jun. und Sohn Benjamin (vgl. Bericht in der Ostsee-Zeitung vom 18.06.2004), im August die Witwe des US- amerikanischen Kriegsgefangenen Benjamin, mit ihrem Sohn und dessen beiden Söhnen.

 

Der dänische Historiker und Autor mehrerer Bücher, Eric Dreyborg, hatte sich mit zwei US-Amerikanerinnen im Mai 2004 angekündigt, um für sein nächstes Buch über die Insassen der Baracke 9, Raum 9, des Teillagers Nord I, das ehemalige Lagergelände, die Gedenkstätte und den Flugplatz aufzusuchen, sowie zu fotografieren. Von diesem Flugplatz aus erfolgte bekanntlich am 12./13. und 14. Mai 1945 die Evakuierung von ca. 9.000 Kriegsgefangenen nach England und Frankreich.

 

Nicht angekündigt war der Besuch der ehemaligen ukrainischen Zwangsarbeiterin Maria Petrenko im Juni 2004. Mit ihrer Tochter Nadia und dem Schwiegersohn Gabriel hatte sie sich von Argentinien aus auf die weite Reise begeben, um in Barth die Stätten aufzusuchen, an denen sie lebte und arbeitete. (vgl. Bericht in der Ostsee-Zeitung vom 08.06.2004)

 

Ein Sprachpraktikum absolvierte die Engländerin Claire Laidler in Barth von Mitte Juni bis Mitte August. Sie hatte bereits im Sommer 2003 an einem internationalen Workcamp des NIG teilgenommen, das sich mit der Übersetzung englischer Texte/Berichte ehemaliger Kriegsgefangener des „Stalag Luft I“ beschäftigte.

Nun setzte Claire diese wichtige Arbeit für den Förderverein Dokumentations- und Begegnungsstätte Barth e.V. fort. (vgl. Bericht in der Ostsee-Zeitung vom 08.11.2004).

Helga Radau führte Claires Eltern zur Gedenkstätte "Stalag Luft I", dem Mahnmal KZ-Barth und dem Lern- und Gedenkpfad. In das Gästebuch des Fördervereines schrieben sie anschließend:
„... Die Geschichte des Stalag Luft I und des KZ-Barth wurde lebendig durch die Fotos, die Dokumentation und die Besichtigung des ehemaligen Lagergeländes. Wir ermutigen Sie, diese bedeutende Arbeit für die Familien der Lagerinsassen fortzuführen und Ihr Wissen kommenden Generationen zu übermitteln...“.
Claire Laidler verabschiedete sich: „Bis zum nächsten Mal!“ mit einem Eintrag am 17. August 2004:
Diese letzten neun Wochen waren eine fantastische Erfahrung für mich, meine Freunde und Eltern, die mich besucht haben ... Ich habe das Gefühl, dass ich mit einem größeren Wissen und Respekt für Stalag Luft I und das KZ-Barth abreise und mit einem größeren Vertrauen, Deutsch zu sprechen und sehr nützliche Vokabeln gelernt zu haben... . Ich werde immer an die Zeit hier zurück denken, und ich hoffe, bald wieder zu komme ...“.

 

Im August kam Besuch aus Kanada. Arien und Toby Reinstein weilten in Rövershagen und Barth (vgl. Bericht in der Ostsee-Zeitung vom 01.09.2004).

 

Wenn man bedenkt, dass all die Besucher mit bestimmten Erwartungen hierher kommen, Fragen haben und psychisch oft sehr aufgewühlt sind, dann wird klar, dass ihre Betreuung sehr viel Flexibilität, Takt, Kraft und Zeit verlangt.

Vor Ort sind es vor allem unsere Vorstandsmitglieder Helga Radau, Elke Engelmann aber auch Gaby Boedecke, die diese Aufgabe übernehmen.

 

An dem Ausstellungsprojekt sind Schüler des Gymnasiums in Barth (Projektkurs Geschichte) maßgeblich beteiligt. Einige Mitglieder unseres Fördervereines erarbeiten die Präsentation, aber auch Bürger und Bürgerinnen tragen mit ihren Erinnerungen, ihrem Wissen, mit Fotos und Anregungen dazu bei, dass die Ausstellung im nächsten Jahr den Besuchern, aber vor allem der Stadt Barth die Möglichkeit gibt, sich ihrer Geschichte zu stellen.

Hannelore Rabe

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