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Ort der Opfer und der Täter

Pläne des Barther Fördervereins Dokumentations- und Begegnungsstätte

Über die Gedenkstättenarbeit in Barth äußerte sich bereits in der vergangenen Woche in der OZ der „Förderverein Dokumentations- und Begegnungsstätte“. Heute folgt Teil II des Reports.

Barth Der Vorstand des Fördervereins Dokumentations- und Begegnungsstätte Barth“ besitzt seit wenigen Wochen eine Konzeption. Darin heißt es: „Eine Ausstellung zur Geschichte einer einzigen Stadt im dritten Reich ist in Deutschland selten. Im historischen Ort selbst weisen viele Sach- und Bauzeugnisse auf unterschiedliche Ebenen des Lebens und der Repression in Nazideutschland hin. Barth im \'Dritten Reich\' – das war für Tausende ein Ort des Leidens, ein Ort der Opfer und somit auch ein Ort der Täter. Und es ist ein Platz des ganz normalen Lebens während dieser Zeit: Ein Industriezentrum für die expandierende Rüstung, ein Ausbildungszentrum der Wehrmacht. Als Stadt nahe dem verhassten Kriegsgefangenenlager Stalag Luft I ist Barth aber auch ein Fixpunkt in der Geschichte vieler Familien in den USA und den Commonwealth-Staaten. Unvergessen ist den alliierten Kriegsgefangenen der Moment, als sie auf dem Fliegerhorst die Maschinen in ihre Heimat bestiegen . . . Der Flugplatz selbst war wiederum ein wichtiges Teilstück der Infrastruktur der Stadt.“

   Unmittelbar nach dem Kriege, wahrscheinlich schon ab Mitte Mai 1945, richtete der sowjetische Geheimdienst ein so genanntes Repatriierungslager Nr. 164 in mehreren Kasernen ein, in dem eine unbekannte Zahl sowjetischer Zwangsarbeiterinnen, sogar mit Kleinkindern, aus britischen und amerikanischen Besatzungszonen festgehalten wurden, um hier vor Ort auf Herz und Nieren überprüft zu werden.

   Nachdem dieses Lager wahrscheinlich Ende Oktober 1945 aufgelöst worden war, bezogen Flüchtlinge aus Ostpreußen und anderen Gegenden die Kasernen des „Auffanglagers Fliegerhorst“. Das ergaben Untersuchungen und Befragungen, die der Förderverein in jüngerer Zeit vornahm.

   Die Tourismus-Unternehmen machen im Lande mit den so genannten „schönen Erinnerungsorten“ – wie beispielsweise Heiligendamm – zunehmend gute Geschäfte. Zur vollständigen Identität eines Bundeslandes gehört aber auch, sich der „finsteren“ Orte anzunehmen – nicht nur an Ehren- und Gedenktagen. Allerdings wird es allerhöchste Zeit, diejenigen zu befragen, die noch Aussagen machen können. Nicht nur, dass viele verstorben sind, andere gingen in den „Westen“ oder ins Ausland. Oder sie wollen und können über diese Zeit nicht sprechen, weil der aktuelle Zeitgeist manches lieber verdrängt. Die biologische Uhr setzt uns also diesbezüglich Grenzen und den Förderverein zugleich unter Druck.

   Das Jahr 2003 war für den Barther Förderverein aber ganz sicher erfolgreich. Erinnert sei hier nur an die Übergabe der Stelen 4, 5 und 6 auf dem Gelände des ehemaligen KZ Barth. Damit wurde der Lern- und Gedenkpfad am 9. November 2003 der Öffentlichkeit übergeben und ist in dieser Art inmitten der Trümmerreste dieses „finsteren Ortes“ Barther Geschichte einmalig in Mecklenburg-Vorpommern. Im Jahr 2004 soll intensiv an einem Prospekt gearbeitet werden, mit dem Einheimische und Gäste, Urlauber und Jugendliche über die „andere Seite“ Barths informiert werden, mit weniger bunten oder grellen Farben, weniger Glanzpapier und flotten Sprüchen. Das mag nicht in die Gepflogenheiten der Amüsier- und Spaßgesellschaft passen, ist aber notwendig und ehrlich.

   Das Gedenken der Gesellschaft darf sich nicht darin erschöpfen, wie es Günter Grass 1999 beschrieb: „Nelkenkranz ablegen, Schleifenbänder ordnen, zwei Schritte hinter sich treten, Kopf senken, Kinn wieder hoch, stur in die Ferne blicken . . .“

   Dabei wird es in Barth nicht bleiben, das bekunden in diesen Tagen die Vereinsmitglieder für die nahe Zukunft.

DIETER FLECHSIG

Ein amerikanischer Pilot fertigte diese Zeichnung im Kriegsgefangenenlager Stalag Luft I in Barth an.
OZ-Repro