Ljudmila A. Muratowa (Jahrhang 1925)

zu Gast in Rostock, Barth, Kiel, Ribnitz-Damgarten

 

Bericht über
Fron bei Heinkel

 

"Oft wurden nächtlich Kontrollen durchgeführt. Man führte uns zum Appellplatz, zog uns nackend aus und kontrollierte die Wäsche. Gleichzeitig wurde alles im Block kontrolliert, unter den Matratzen und Kissen. Man prüfte, ob die Decken alle am Ort waren. Wenn man feststellte, dass irgendwer unter das Kleid eine Decke gewickelt hatte, dann wurde die betreffende Frau erbarmungslos geschlagen und in den Bunker ohne Essen gesperrt. Fand man selbstgefertigte Messer, Kämme, Sicherheitsnadeln o. Ä., dann wurde alles weggenommen und es gab Schläge. Die Kälte zwang uns, etwas auszudenken. Wir fanden Schnur und Papier und umwickelten damit den Körper. Der Hunger, die Kälte und die vielen Schläge, die 12stündige Arbeit, brachten uns an den Rand der Verzweiflung. Einzelne wurden wahnsinnig. Ich erinnere mich an nächtliche Schüsse, Schreie, Scheinwerfer. Es war verboten, nachts den Block zu verlassen. Wir konnten alle bis morgens nicht einschlafen. Am Morgen berichtete uns die Kaffeeträgerin, dass sich eine Gefangene in den Draht geworfen hatte. Man sagte - eine Russin."

 

1942

kam die am 25.4.1925 in Rostow am Don geborene Ljudmila A. Muratowa als Zwangsarbeiterin als Verschleppte Zwangsarbeiterin nach Kiel. Sie musste dort als Reinigungskraft in einem Konstruktionsbüro der Firma Krupp arbeiten. Im Zwangsarbeiterlager verteilte sie Flugblätter, wurde dabei beobachtet, denunziert, verhaftet, gefoltert, im September 1943 durch das Kieler Militärgericht verurteilt und mit 17 Jahren

1943 in das Konzentrationslager Ravensbrück "ohne Rückkehr" verbracht. Von dort wurde sie im Mai in das Außenlager Barth überstellt.
Hier musste sie mit hunderten Häftlingen in den Heinkel-Flugzeugwerken Zwangsarbeit leisten. Die schlimmsten Erinnerungen hat sie an die furchtbaren Vorkommnisse auf dem Apellplatz. - SS- und Wachleute entschieden über Leben und Tod.
1945

April: Ein Teil der Häftlinge wird auf einen "Todesmarsch" von Barth in Richtung Rostock getrieben.
1. Mai: In Ribnitz wird auch Ljudmila A. Muratowa befreit.

Als ehemalige Zwangsarbeiterin musste sie als "Vaterlandsverräterin" während der Stalin-Zeit zahlreiche Repressalien über sich ergehen lassen. So war es ihr erst 5 Jahre später möglich, ein Studium zu beginnen.
Später leitete sie eine große Backwarenfabrik.
Ljudmila Muratowa ist Präsidentin der "Rostower Vereinigung ehemaliger Häftlinge des Nazi-Regimes" und Mitglied des Internationalen Lagerkommitees Ravensbrück. Sie veröffentlichte das Buch "Zurückgekehrt aus der Hölle" mit Schicksalsberichten ehemaliger Häftlinge.

Die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes - Bund der Antifaschisten M-V e.V., Basisgruppe Rostock, und die Dokumentations- und Begegnungsstätte Barth e.V. haben Frau Ljudmila A. Muratowa eingeladen, 60 Jahre nach der Befreiung der Völker vom Hitlerfaschismus noch einmal nach Barth, Rostock, Kiel und Ribnitz-Damgarten zu kommen.
Sie wurde auf ihrer Reise von ihrem 17-jährigen Enkelsohn Dimitri Martschenko begleitet.

 

In Barth und Kiel sprach Frau Muratowa mit Schülern, in Rostock mit jungen Leuten im Cafe "Medicam". Fragen und Probleme der beiden Generationen sind zur Sprache gekommen.

 

In Rostock gab es ein Treffen mit Kameradinnen und Kameraden des VVN-BdA e.V. und Bürgern. In Barth haben Mitglieder des Fördervereins Dokumentations- und Begegnungsstätte Barth e.V. mit Hilfe von Frau Muratowa ihre bisherigen Forschungen und Recherchen über das KZ-Barth, den Einsatz der Häftlinge in den Heinkel-Flugzeugwerken und den Todesmarsch vervollständigt.

 

Die Bürgermeister von Barth und Ribnitz-Damgarten haben Frau Muratowa empfangen und in Barth hat sich die ehemalige Häftlingsfrau auf dem Gedenk- und Lehrpfad sowie in der Ausstellung des Fördervereins ihrer menschenunwürdigen, traurigen Zeit in dieser Stadt erinnert.

 

Bilder von Frau Muratowa in ihrer Heimatstadt Rostow am Don

zu einem Bericht über Ljudmilas Aufenthalt in Barth im Jahre 2005