Am 29. August 1984 schrieb der ehemalige Kriegsgefangene Philip Gibbons, ehemaliger Leutnant der US-amerikanischen Luftstreitkräfte einen Brief an den Staatsratsvorsitzenden der DDR, in dem er ihn über den beabsichtigten Besuch einer Gruppe ehemaliger Kriegsgefangener des Stalag Luft I Barth am 1. Mai 1985 anlässlich des 40. Jahrestages der Befreiung des Lagers informierte.

Gibbons fragte an, ob es aus diesem Anlass möglich wäre, "ein Programm zum Gedenken dieses Tages in Barth zu organisieren"?

Neben Barth sollten Rostock, Berlin und Dresden besucht werden.

Das Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten der DDR, der Friedensrat der DDR, das Komitee der Antifaschistischen Widerstandskämpfer sowie der Rat des Bezirkes Rostock, der Rat des Kreises Ribnitz-Damgarten und die Stadt Barth boten alle erdenkliche Mühe auf, den ehemaligen Kriegsgefangenen und ihren Ehefrauen einen eindrucksvollen Tag zu gestalten.

Auf Wunsch der US-Amerikaner wurden ehemalige Angehörige der Roten Armee eingeladen, die am 2. Mai 1945 mit Truppen der 65. Armee der 2. Weißrussischen Front in Barth einzogen.

Am 1. Mai 1985 wurde eine Gedenkstätte auf dem ehemaligen Lagergelände eingeweiht. Offenbar fiel es den politisch Verantwortlichen nicht leicht, eine Inschrift für die Gedenktafel zu formulieren.

Die erste Version lautete:

Friedenshain
40 Jahre Befreiung vom Faschismus
1945 - 1985

Sie wurde verworfen und eine neue Inschrift gefunden, die den historischen Ereignissen nicht gerecht wurde:

Hier befreite die Sowjetarmee
im Jahre 1945
Kriegsgefangene aus den USA
und Großbritannien

Nach 1985 fanden in den Folgejahren mehrere Gruppenbesuche amerikanischer ehemaliger Kriegsgefangener in Barth statt, die alle von Philip Gibbons Reiseunternehmen organisiert wurden.

Die ehemalige Archivarin der Stadt Barth, Helga Radau, hatte von 1991 an die Gelegenheit, ehemalige Kriegsgefangene aus den USA, Kanada, England und Australien kennen zu lernen. An Hand der Berichte und überreichter Bücher stellte sich heraus, dass die deutsche Lagerleitung und die Bewacher in der Nacht vom 30. April zum 1. Mai 1945 das Lager in Richtung Westen verlassen hatten und es in Verwaltung der alliierten Offiziere überging. Eine Befreiung im wahrsten Sinne des Wortes fand nicht statt. Die Truppen der Roten Armee zogen erst am 2. Mai in Barth ein.

Die Inschrift der Gedenktafel erinnerte nicht an die Kriegsgefangenen der ehemaligen Länder des Commonwealth, die Freiwilligen der besetzten europäischen Länder, die in der RAF dienten und an die sowjetischen Kriegsgefangenen, die für ihre alliierten Kameraden gezwungenermaßen die Drecksarbeit leisten mussten.

Helga Radau stellte im Jahre 1996 den Antrag an die Stadtvertretung, die Tafel zu entfernen und an ihre Stelle einen repräsentativen Findling mit zwei Gedenktafeln mit deutschem und englischem Wortlaut zu stellen, der an alle Kriegsgefangenen des Stalag Luft I erinnert.

Sie sammelte 8.000 DM, 4.000 DM spendete die britische Regierung, 500 DM erhielt sie von dem Sohn des vorletzten deutschen Kommandanten, Oberst Scherer, 500 DM vom Sohn eines ehemaligen Generals der Flieger der Deutschen Luftwaffe, dessen Vorfahr, Gustav Hillebrand, im 18. Jahrhundert ca. 20 Jahre Bürgermeister von Barth war. Weitere Spenden kamen von Barther Unternehmen und Gewerbetreibenden.

In Anwesenheit ehemaliger Kriegsgefangener und ihrer Angehörigen, sowie Gesandten der britischen, US-amerikanischen, kanadischen Botschaft, des australischen Generalkonsulats, des russischen Generalkonsuls, des Sohnes des früheren Kommandanten Scherer, Vertreter der Landesregierung Mecklenburg-Vorpommern, des Kreises Nordvorpommern und der Stadt Barth wurde der neue Gedenkstein am 28. September 1996 feierlich enthüllt und eingeweiht. Wenige Wochen später besuchte Prinz Philip Herzog von Edinburgh, Gatte der britischen Königin, während seines Besuchs in Mecklenburg-Vorpommern die Gedenkstätte.

 

Nachdem im November 1998 der Förderverein Dokumentations- und Begegnungsstätte Barth e. V. gegründet worden war, organisierte er im Jahre 2000 (17. und 18. April) die erste Konferenz für ehemalige Kriegsgefangene des Stalag Luft I und ehemalige Häftlinge des KZ Außenlagers Barth, zu der 14 ehemalige Häftlinge aus Deutschland, Polen, Litauen, der Ukraine und Slowenien sowie 5 ehemalige Kriegsgefangene aus den USA und Kanada mit ihren Familienangehörigen anreisten.

Die Friedrich-Ebert-Stiftung richtete die Konferenz aus, die für alle Teilnehmer einen unvergesslichen Eindruck hinterließ.

Die 2. Konferenz für ehemalige Kriegsgefangene des Stalag Luft I fand im September 2001 statt, zu der erstmals auch britische ehemalige Kriegsgefangene anreisten und eine ca. 80 Personen starke Reisegruppe aus den USA.

Natürlich kamen auch im Laufe der Jahre eine Reihe ehemaliger Kriegsgefangener nebst Ehefrauen, Kinder und Enkeln nach Barth, die alle eine herzliche Aufnahme und Betreuung fanden.

Als große Attraktion erwies sich die am 1. Mai 2005 im Beisein ehemaliger US-amerikanischer Kriegsgefangener eröffnete Dauerausstellung

12 von 750 Jahren - Barth im Nationalsozialismus 1933 - 1945

und die am 28. September 2004 aufgestellte Informationsstele auf dem Gelände der Gedenkstätte.

Im September 2006 richtete die Friedrich-Ebert-Stiftung mit dem Förderverein ein Seminar zum Thema

Kriegsgefangenschaft im 2. Weltkrieg am Beispiel Stalag Luft I

aus, an dem eine Reisegruppe aus den USA, darunter 3 ehemalige Kriegsgefangene, teilnahm.

In diesem Jahr (2007) werden zum letzten Mal amerikanische ehemalige Kriegsgefangene mit einer Reisegruppe nach Barth kommen (27. und 28. September 2007). Ihr fortgeschrittenes Alter macht weitere Besuche unmöglich.

Unter den 44 Personen befinden sich ca. 10 ehemalige Kriegsgefangene. In Berlin wird die Tochter des sowjetischen Generaloberst Pawel Batow, Kommandeur der 65. Armee der 2. Weißrussischen Front, sich in die Gruppe einreihen. Am 26. September ist ein Besuch in der russischen Botschaft vorgesehen.

Frau Natalija Batowa ist Kulturattache in der russischen Botschaft in Washington DC. Sie ist an der Geschichte des 2. Weltkrieges sehr interessiert und nimmt die Einladung der ehemaligen Kriegsgefangenen gern an, zum ersten Mal in ihrem Leben Mecklenburg-Vorpommern zu besuchen, das ab April 1945 von der 2. Weißrussischen Front eingenommen worden war.

Am 29. September wird die Reise über Peenemünde (Besuch des dortigen Historisch-Technischen Informationszentrum) nach Polen fortgesetzt.

In ehemaligen Groß Tychow (deutscher Name) - heute Tychowo (polnischer Name) ein Dorf und namensgebender Ort einer Landgemeinde im Powiat Białogardzki der Woiwodschaft Westpommern in Polen - befand sich das Stalag Luft IV, aus dem im Februar 1945 hunderte Kriegsgefangene nach Barth evakuiert wurden.

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