Ehemalige KZ-Häftlingsfrauen aus Slowenien in Barth zu Gast

 

Als Marta Vulič in das Außenlager des KZ Ravensbrück nach Barth kam war sie 19 Jahre, gemeinsam mit ihr kam die 18-jährige Ivanka Špat. Sie gehörten zu den über 90 im KZ Barth eingesperrten slowenischen Frauen. Beide hatten aktiv Widerstand gegen die deutsche Besatzung in Jugoslawien geleistet. Nach über 60 Jahren kehrten sie auf Einladung des Fördervereins Dokumentations- und Begegnungsstätte Barth e. V. an ihren Leidensort zurück, um über ihre schmerzvollen Erinnerungen zu sprechen, aber auch das heutige Barth und den gegenwärtigen Umgang mit der Vergangenheit kennenzulernen. Begleitet wurden sie von Matjaž, der Sohn von Ivanka Špat.

 

Nach der Ankunft in Barth am 19. Juni führte sie ihr Weg gleich in die 2005 eröffnete Dokumentationsstätte. Sie sahen in der Ausstellung, wie über die Geschichte der KZ-Häftlinge in Barth berichtet wird. Und obwohl bereits im Jahr 2000 eine Gruppe ehemaliger Häftlingsfrauen aus Slowenien in Barth zu Gast war, wissen wir fast nichts über die Lebensschicksale der slowenischen Häftlinge. Der diesjährige Besuch sollte das verändern und deshalb standen lebensgeschichtliche Interviews mit den beiden Überlebenden auf dem Programm. Das alles war nur möglich, weil wir Frau Dr. Silvija Kavčič aus Berlin gewinnen konnten, die sowohl mit den historischen Fragestellungen als auch mit der Sprache eng vertraut ist. Sie führte die beiden Interviews und dolmetschte während der vielen Gespräche.

 

Marta Vulič wurde 1924 in Ljubljana geboren. Sehr früh engagierte sie sich im fortschrittlich-liberal orientierten Turnverein Sokol. Mit dem Überfall der Wehrmacht auf Jugoslawien im April 1941 begann Frau Vulič für die Befreiungsfront zu arbeiten; sie sammelte und transportierte Waffen, Sanitätsmaterial und Lebensmittel. Seit 1941 war sie Mitglied der Kommunistischen Partei. Kollaborateure verrieten sie an die Deutschen. Nach brutalen Verhören in mehreren Gefängnissen wurde sie im April 1944 in das KZ Ravensbrück deportiert. Die Erinnerung an die entwürdigende Aufnahme im KZ ist immer noch gegenwärtig, aus Marta Vulič wurde eine Nummer. Nach zwei Wochen in Ravensbrück ging es im Mai 1944 auf Transport nach Barth. Im Außenlager arbeitete sie in der Lagerküche von früh bis abends. Im Interview berichtete sie von einer ungewöhnlichen Geschichte: Eines Tages kippte ihr ein Kessel mit heißer Suppe über den Körper. Der Küchenleiter, SS-Angehöriger, half ihr gesund zu werden und besorgte medizinische Hilfe. Hätte er sie einfach ins Revier abgeschoben, wäre das ihr Tod gewesen.

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Links Ivanka, rechts Matha Vulič Anklicken = Vergrößerung

Ivanka Špat war 15 Jahre alt, als die deutschen Truppen 1941 in Jugoslawien einfielen. Mit 17 Jahren ging sie in den Widerstand und half jungen Männern, sich der Einberufung in die Wehrmacht durch Flucht zu den Partisanen zu entziehen. Auch sie wurde verraten und in mehrere Gefängnisse in Slowenien eingesperrt. Nach der Untersuchungshaft kam sie ebenfalls 1944 nach Ravensbrück und wenig später in das Barther Außenlager, wo sie in der Flugzeugproduktion arbeiten musste. Unter schwierigen Arbeitsbedingungen bohrte sie Löcher in Flugzeugteile und vernietete diese. Täglich mussten die Häftlinge 12 Stunden im Flugzeugwerk schuften. Ihre Häftlingsnummer lautete 26991. Die katastrophalen Lebensbedingungen im Lager führten dazu, dass sie am Ende nur noch 38 kg wog und an Bauchtyphus erkrankte.

 

Zwei Schicksale, die man den beiden Frauen äußerlich nicht mehr ansieht, aber in den Gesprächen wurde deutlich, wie stark diese Haftzeit sie verändert, innerlich verletzt hat und noch heute beschäftigt. Beide engagieren sie im slowenischen Ravensbrück Komitee - Frau Vulič ist die Vorsitzende des slowenischen Verbandes. Für die zukünftige Zusammenarbeit von großer Bedeutung war, dass aus der Kindergeneration Matjaž Špat teilnahm. Er erlebte am eigenen Leib, wie schwer seine Mutter an ihren KZ-Erinnerungen trug, wie schmerzvoll und mühselig der Weg des Erinnerns ist. Gerade eingedenk dieser Erfahrungen verdient die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit Unterstützung und Verbreitung besonders unter jungen Leuten und im europäischen Dialog. Dafür sind feste Kontakte zwischen Angehörigen der zweiten und dritten Generation eine unabdingbare Voraussetzung.

Empfang beim Bürgermeister in Barth Anklicken = VergrößerungAnklicken = Vergrößerung

Am 20. Juni empfing der Bürgermeister der Stadt Barth, Herr Matthias Löttge, die slowenischen Gäste zu einem Pressetermin und lud sie anschließend in das Hotel am Speicher zum Empfang ein. In einer lockeren Atmosphäre folgten Fragen auf Fragen. Der Bürgermeister wollte mehr über die Erinnerungen an die Zeit im KZ-Außenlager Barth wissen, fragte aber auch nach der jugoslawischen Geschichte und der slowenischen Gegenwart. Hier interessierte ihn natürlich, wie sich das Leben nach dem Zerfall Jugoslawiens verändert hat. Die slowenischen Gäste wollten wissen, wie sich Barth in den letzten Jahren entwickelt hat, mit welchen Problemen eine Kleinstadt im Nordosten Deutschlands konfrontiert ist. Unsere Gäste waren sehr angetan von diesem warmherzigen und aufgeschlossenen Empfang.

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Anklicken = VergrößerungMit Schülern der Werkstatt-Schule in Rostock

Am nächsten Tag stand ein Gespräch mit SchülerInnen der Werkstattschule in Rostock auf dem Programm. Mädchen und Jungen einer gymnasialen 10. Klasse unter der Begleitung der Geschichtslehrerin Frau Antje Ruchhöft hatten sich gut vorbereitet und erwarteten die beiden Zeitzeuginnen gespannt. Nach einer Vorstellungsrunde setzte ein langer Strom von Fragen ein. Die SchülerInnen wollten alles ganz genau wissen und fragten zu einzelnen Punkten nach, wenn ihnen die ersten Antworten nicht ausreichten. Natürlich interessierte sie, wie das Leben im Lager aussah, der Tagesablauf, das Verhältnis unter den Häftlingen, woher sie die Kraft zum Überleben nahmen, welche Strafen ihnen drohten, woher sie Informationen über den Kriegsverlauf bekamen, wie sie den Winter überlebten usw. Marta und Ivanka erzählten von den Zimmern in den ehemaligen Kasernen, in denen 16 Frauen in Doppelstockbetten zusammengepfercht waren, je zwei Personen in einem Bett. Wegen der mangelnden Hygiene breiteten sich Hautkrankheiten aus. Nur eine Toilette stand für viele Häftlinge zur Verfügung. Drei sowjetische Häftlingsärzte arbeiteten im Revier, aber sie hatten keine Medikamente. So starben viele Häftlinge an Tuberkulose, Typhus und Paratyphus. Bei der Mehrheit der Frauen setzte die Menstruation aus, wegen der Mangelernährung und dem großen psychischen Druck während der Haft. Unterhosen konnten nur einmal am Wochenende gewaschen werden. Überhaupt waren die hygienischen Bedingungen unvorstellbar. Ihre Befreiung erlebten Marta und Ivanka in Ribnitz, wohin sie die SS auf ihrer Flucht vor der voranrückenden Roten Armee getrieben hatte.Anklicken = Vergrößerung

Anklicken = Vergrößerung In der Werkstatt-Schule - Ivanka zeigt ihre Häftlings-Nummer                                                                                      

Viele SchülerInnen wollten genauer wissen, was sie in der Heimat erwartete? Ivanka musste erst einmal ihre Familie suchen. Die deutsche Besatzungsverwaltung hatte sie zur Zwangsarbeit nach Bayern ausgesiedelt. Wohnungen waren zerstört und durch die slowenische Gesellschaft ging ein Riss zwischen denen, die mit den Deutschen kollaboriert und denen, die mit der Befreiungsfront gekämpft hatten. Auch spielten die Erinnerungen der ehemaligen KZ-Häftlinge in der Nachkriegsgesellschaft kaum eine Rolle; im Vordergrund stand die Erinnerung an die Helden des Partisanenkampfes. Doch vor allem versuchten die ehemaligen Häftlingsfrauen wieder einen Alltag zu leben. Familien wurden gegründet und mussten versorgt werden, berufliche Probleme galt es zu bestehen. Matjaž berichtete, dass seine Mutter lange Zeit nicht über ihre Erinnerungen sprechen konnte. Er wunderte sich, dass er keine Filme über den Krieg sehen durfte, da die Mutter dann in Tränen ausbrach. Marta sagte, dass sie ihren Kindern immer noch nicht alles erzählt hat, was sie erleben musste, weil es einfach zu schrecklich ist. In ihren Träumen werden sie von den Erinnerungen heimgesucht – bis heute. Die SchülerInnen wollten wissen, wie es war, nach Deutschland zurückzukehren.

Im Gespräch in der Rostocker Werkstatt-Schule Anklicken = Vergrößerung

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Zum ersten Mal kehrten Marta und Ivanka anlässlich des 10. Jahrestages der Befreiung zu den Gedenkfeierlichkeiten in Ravensbrück nach Deutschland zurück. Sie wollten ihrer Kameradinnen gedenken, sahen sich nach dem gemeinsam durchlebten Leid verpflichtet, zur Erinnerung beizutragen. Heute wünschen sich beide normale Beziehungen zwischen Deutschland und Slowenien, sind stolz darauf, dass die Bundesrepublik zu den ersten Staaten gehörte, die die Unabhängigkeit Sloweniens anerkannten und haben eine Entschädigung aus dem Zwangsarbeiterfond erhalten. Auf die Situation in Slowenien angesprochen, kamen Veränderungen im öffentlichen Erinnern zur Sprache: Bis 1990 organisierte der Staat die Teilnahme an den Gedenkveranstaltungen in Ravensbrück und unterstützte die Häftlingsorganisation, seitdem ist es zur Privatangelegenheit geworden. Dennoch treffen sich die überlebenden Ravensbrück-Häftlinge in Slowenien jährlich einmal und beteiligen sich an der Arbeit des Internationalen Ravensbrück-Komitees.

 

Nach dem Gespräch zeigten Kevin und Max, zwei Schüler der 10. Klasse, den Gästen ihre 2005 neu gebaute Schule, luden zum Mittagessen ein und standen für Fragen zum Schulalltag zur Verfügung. Danach folgte ein Bummel durch die sonnige Rostocker Innenstadt. Am Abend hielt Dr. Silvija Kavčič einen Vortrag "Leben nach der Befreiung. Slowenische Überlebende des KZ Ravensbrück im sozialistischen Nachkriegsjugoslawien" im Kröpeliner Tor. Sie stellte Forschungsergebnisse aus der Analyse lebensgeschichtlichen Interviews mit slowenischen Überlebenden vor. Darin belegt sie, wie unterschiedlich sich nach der Befreiung privates und öffentliches Erinnern entwickelt haben, wie die politischen Nachkriegsverhältnisse ihre Spuren in den Erinnerungsberichten hinterließen, sich kollektive Erzählmuster etablierten, in denen viele leidvolle Erfahrungen sowohl aus der Haftzeit als auch aus der Zeit danach nicht vorkamen.

 

Anklicken = VergrößerungAnklicken = VergrößerungIm Archiv Ribnitz-Damgarten (Matha - Dr. Silvija Kavcic [Slovenische Dolmetscherin] - Ivanka)
Am 22. Juni standen die Erlebnisse auf dem Todesmarsch in Richtung Westen im Mittelpunkt. Mit dem Auto wurde die Strecke abgefahren und im Stadtarchiv von Ribnitz-Damgarten nachgefragt. Dort hatte Frau Fehling, Stadtarchivarin, eine kleine Diskussionsrunde zur Befreiung der Häftlinge in Ribnitz zusammengestellt, u. a. war ein damals 14-jähriger Zeitzeuge gekommen und Schüler der Regionalschule mit ihrer Lehrerin. Marta und Ivanka erzählten, wie sie nach Ribnitz kamen. Von Barth waren sie in mehreren Marschkolonnen aufgebrochen, sahen die erschossenen Häftlinge aus den vorangehenden Gruppen am Straßenrand liegen. Am Ribnitzer Hafen müssen sie die SS-Bewacher verlassen haben, woraufhin sie sich in kleinen Gruppen in die nahezu leere Stadt begaben.

 

In Ribnitz gegenüber dieser ehemaligen Bäckerei (im Hotel) haben
die slovenischen Frauen die ersten Tage nach ihrer Befreiung gelebt
 - Sie erinnern sich und Frau Fehling [Archivarin] erklärt.
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Anklicken = VergrößerungZuerst fanden sie Unterschlupf in einem Kriegsgefangenenlager und nahmen sich anschließend neue und zivile Kleidung sowie Unterkunft im Hotel "Rostocker Hof". Hier blieben sie mehrere Wochen, um wieder einigermaßen gesund zu werden. Über das Sammellager in Neubrandenburg kehrten beide Frauen in ihre Heimat zurück. Informationen zu den Ereignissen auf dem Markt, wo KZ-Häftlinge erschossen werden sollten, konnten sie nicht geben, da sie nicht zu der Gruppe auf dem Markt gehörten. Auf dem anschließenden Stadtrundgang, entdeckten Marta und Ivanka das Gebäude, in dem sich das damalige Hotel befand.


Anklicken = VergrößerungAnklicken = VergrößerungVor der Gedenktafel am Rathaus in Ribnitz

Damit ging ein Besuch zu Ende, der wohl allen Beteiligten noch lange in Erinnerung bleiben wird. Wir bedanken uns sehr, dass sich Marta Vulič, Ivanka und Matjaž Špat auf diese lange Reise begeben und so geduldig auf die vielen Fragen geantwortet haben. Silvija Kavčič war mehr als eine kompetente und sehr engagierte Dolmetscherin. Sie eröffnete uns viele Einsichten zum Verstehen der slowenisch-jugoslawischen Geschichte. Und ein großes Dankeschön an alle Vereinsmitglieder, die gut koordiniert halfen und sehr zur freundlichen Atmosphäre des Treffens beitrugen. Zurück bleiben viele gute Erinnerungen, Freundschaften und der Wunsch, die Kontakte durch einen Gegenbesuch in Slowenien zu stärken.

 

 

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