Wochenendausgabe, 05. Mai 2007  |  Heimat

Größtes Gefangenenlager von Fliegern

In Barth unterstellten sich am 2. Mai 1945 rund 9000 gefangene Flieger der westalliierten Truppen der eintreffenden Roten Armee

Als die sowjetischen Truppen am 2. Mai 1945 die Stadt Barth erreichten, staunten sie nicht schlecht. Sie fanden das größte Gefangenenlager für westalliierte Fliegeroffiziere, das Stalag Luft I. Die 9.000 Insassen waren gut gekleidet, ausreichend ernährt, militärisch organisiert, mit Hilfe zweier geheimer Radios gut informiert und vor allem: Sie hatten sich selbst befreit und das Lager in eigene Regie übernommen. Darüber berichteten Dr. Martin Albrecht (Berlin) und Helga Radau (Barth) nach jahrelangen Recherchen in der Erinnerungs- und Begegnungsstätte Barth.

Bereits am 1. Mai hatten Emissäre des Lagers auf abenteuerlichen Wegen die Rote Armee in Stralsund vom Lager informiert. Dort hatte sich der deutsche Lagerkommandant, Oberst Warnstedt, nach schwierigen Verhandlungen entschlossen, den Befehl zur Evakuierung der Barther Gefangenen nicht auszuführen und verließ es am 30. April mit 900 Wachsoldaten in Richtung Westen. Der amerikanische Colonel Hubert Zemke, bislang schon Senior Allied Officer, also der von den Deutschen gebilligte Lagerkommandant der Gefangenen, hatte mit seinem Stab das Kommando übernommen und unterstellte sich am 2. Mai dem Kommandeur des ankommenden sowjetischen 133. Garderegiments, Generalmajor W. A. Borisov. Er war auch zugegen, als die Vertreter Barths um 22 Uhr im Rathaus die bedingungslose Kapitulation unterzeichneten. Der umsichtige Zemke war ein US-Jagdflieger-Ass mit deutschen Vorfahren, er sprach gut Deutsch, aber auch Russisch. Zemke nutzte den ersten Tag der Freiheit, um die Umgebung des Barther Lagers mit Flakschule und Heinkelwerk aufklären zu lassen. Dabei fanden die Offiziere zu ihrem Entsetzen auf dem Flugplatz das verlassene Konzentrationslager Barth, eine Außenstelle von Ravensbrück, dessen Insassen für Heinkel Flugzeugteile montieren mussten. Die SS hatte Tote, Kranke und Sterbende zurückgelassen, als das Gros der Gefangenen den Todesmarsch antreten musste.

Zunächst verstanden sich die verbündeten Soldaten gut. Amerikaner und Engländer verteilten Zigaretten und Schokolade aus ihren Rotkreuz-Paketen an die Russen, die zum Teil erstmalig im Leben Schokolade kosteten. Die Flieger durften mit Passierscheinen in die Stadt gehen und das Lager wurde von den Russen mit Lebensmitteln versorgt. Man trieb Kühe und Schweine in das Lager, die dort geschlachtet wurden. Auch gestatteten die Sowjets, dass die Westalliierten, den Flugplatz Barth entminten. Hubert Zemke hatte im März 1945 von General Eisenhower über die Sender Stimme Amerikas und BBC insgeheim den Befehl „Stay put“, also zum Verbleib aller Insassen des Lagers erhalten. Sie sollten keinen Ausbruch versuchen und sich von der Front überrollen lassen. Nun wollten sie so schnell als möglich per Luftbrücke nach Hause. Noch war aber der Krieg nicht beendet, vor allem nicht im Pazifik. „Die 9.000 hochqualifizierten alliierten Flieger gaben immerhin das Personal für eine zusätzliche Luftarmee ab“, gibt Martin Albrecht zu bedenken. Auch Stalin hatte in Moskau begriffen, welch ein Faustpfand er mit den Fliegern in der Hand hatte. Das Minenräumen wurde untersagt. Anstatt vom Ausfliegen war die Rede davon, dass die Flieger in ein Sammellager am Schwarzen Meer marschieren sollten, um von dort in die Heimat entlassen zu werden. So setzte Moskau auf Zeit. Dies auch, weil die Westmächte, vor allem Winston Churchill, sich auch nicht beeilten, die von ihnen befreiten sowjetischen Gefangenen zu übergeben. Stalin forderte die sofortige Auslieferung des Generals Wlassow, der mit einer Armee aus gefangenen Sowjetsoldaten auf deutscher Seite gekämpft hatte und sich am 2. Mai in Pilsen den US-Truppen ergeben hatte.

Dieses Machtspiel kostete Nerven. Zemke hatte schon den Befehl erteilt, das Schuhwerk zu verbrennen, um einen Landmarsch zu verhindern. In Wismar trafen sich Feldmarschall Montgomery und Marschall Rokossowsky. Die Atmosphäre war eisig. Auch eine Abordnung des Lagers fuhr mit russischem Jeep nach Wismar.

Am 8. Mai kapitulierte die Wehrmacht bedingungslos gegenüber Feldmarschall Shukow in Berlin-Karlshorst. Am 12. Mai wurde auch Wlassow ausgeliefert. Die „Operation Revival“ konnte beginnen. Ohne das „Dobro“ aus Moskau abzuwarten, marschierten die Flieger zum Flugplatz Barth. Dort landeten die ersten Bomber B-17 der 8. US-Luftflotte. Generale aus Eisenhowers Stab stiegen aus. Ebenso Flugleitoffiziere, die den Tower des Flugplatzes besetzten. Als um 14.30 Uhr dann endlich die Genehmigung aus Moskau eintraf, waren die ersten Boys schon in der Luft. In nur drei Tagen flogen insgesamt 300 Flugzeuge 8498 westalliierte Flieger aus. Die sowjetischen Soldaten winkten verunsichert. General Borisov durfte noch mit dem letzten B-17 eine Ehrenrunde um den Flugplatz drehen.

Erschütternd nur: Was aus den etwa Tausend gefangenen russischen Fliegern wurde, die ebenfalls im Lager Barth waren und nicht nach Genfer Konvention, sondern wie Sklaven behandelt wurden, konnte niemals geklärt werden.

DIETER FLOHR

 

Warten auf die nächste Maschine. Die alliierten Flieger aus dem Gefangenenlager in Barth kehren in die Heimat zurück.

 

Foto: Erinnerungs- und Begegnungsstätte Barth e. V.

 

 

 

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