Freitag, 02. März 2007  |  Barth und Umgebung

Für Neuanfang ohne Hass

Kontakte zu Menschen auf vier Kontinenten pflegt Helga Radau vom Barther Förderverein „Dokumentations- und Begegnungsstätte“.

Barth Das Mädchen war 13, als es ins KZ nach Barth kam. Heute lebt die inzwischen betagte Dame in Florida. „Leider habe ich zu ihr keinen direkten Kontakt. Doch von ihrer Tochter aus New York bekomme ich seit Jahren Grußkarten zu Weihnachten geschickt, denen immer eine Fotografie der Enkelin Kaley beiliegt“, sagt Helga Radau vom Förderverein Dokumentations- und Begegnungsstätte Barth und hält behutsam das neueste Foto in den Händen. Ein dunkelhaariges Mädchen blickt ihr neugierig entgegen. Mittlerweile ist Kaley so alt, wie ihre Großmutter damals im KZ war.

Neben der Karte aus New York liegt eine von Ignatz Golik und seiner Frau Eva aus Warschau. Er war in der NS-Zeit als Zwangsarbeiter ebenso wie Tadeusz Sasiak nach Barth verschleppt worden. Die Sloweninnen Ivanka Spat und Marta Vulic, die im KZ Barth inhaftiert waren, haben Helga Radau Post geschickt. Im letzten Frühling waren sie erst in Barth und haben die Gedenkstätten besucht. Unzählige Briefe und Postkarten von vier Kontinenten liegen daneben.

Zu vielen der Absender hat die engagierte Bartherin in ihrem Kampf gegen das Vergessen seit über zehn Jahren einen engen Kontakt. Dabei hat sie die meisten – unter ihnen auch Nachfahren von Barther Juden – bei Besuchen in der Stadt oder auf Foren und Seminaren persönlich kennenlernen dürfen.

„Es ist wichtig, dass die Verbindung nach Barth nicht abbricht, damit die Erinnerung an das erlebte Unrecht nicht verloren geht und beide Seiten die Chance auf Vergebung und für einen Neuanfang ohne Hass haben“, meint Helga Radau, die selbst zu Weihnachten über 80 Briefe geschrieben hat. Dabei sei es traurig, wenn mit Briefen die Nachricht komme, dass jemand, den man über Jahre kannte, verstorben sei. So schrieb ihr die Frau eines ehemaligen französischen KZ-Häftlings, dass dieser seit Herbst 2005 nicht mehr lebe. Und Norma Kenyon musste mitteilen, dass ihr Mann James – ein Kriegsgefangener im Stalag Luft I – im letzten November verstorben war. Über James Kenyon hatte der Förderverein für seine Ausstellung „12 von 750 Jahren – Barth im Nationalsozialismus“ einen historischen Film über die Evakuierung der Alliierten Kriegsgefangenen vom Fliegerhorst Barth bekommen.

Auch der Australier Claude Mc Crocklin hat vieles für den Förderverein getan. Von ihm sind Zeichnungen in der Ausstellung über das Leben im Stalag Luft I zu sehen, so wie er und die meisten seiner Kameraden es empfunden haben. Nun hat er Helga Radau weitere Zeichnungen als Kopien geschickt. „Es ist notwendig, dass sie alle ihre Geschichten – wie auch immer geartet – aufschreiben. Nichts darf verloren gehen“, meint sie und ist gespannt auf die Besuche von ehemaligen Kriegsgefangenen und KZ-Häftlingen in diesem Jahr.

Da hat sich Bill Carmen mit seinem Enkel für Juli angemeldet. Und auch der mittlerweile 92-jährige Engländer Jimmy James, der versuchte aus jedem Lager durch einen Tunnel auszubrechen, möchte gern kommen. Im September wird eine Gruppe ehemaliger amerikanischer Kriegsgefangener Barth besuchen. „Der Förderverein hat zudem den Ukrainer Alexej Jefimenko, einen Freund von Gyula Trebitsch, für Ende April eingeladen, um ein Zeitzeugeninterview auf Video mit einem Rostocker Filmemacher aufzunehmen. Er war von Barth aus auf den Todesmarsch gegangen“, erklärt Helga Radau.

Als wichtigstes Projekt steht für den Verein jedoch die Erarbeitung einer neuen Buch-Dokumentation über das KZ Barth mit Dr. Bernhard Strebel an, wo neueste Erkenntnisse dargestellt werden.

CLAUDIA HAIPLICK

zur Seite 15 der
vom 02.03.2007