Donnerstag, 01. November 2007  |  Barth und Umgebung

 

Brief nach 62 Jahren in Barth eingetroffen

 

Eine Originalausgabe der Zeitung „Stars and Stripes“ zählt nun ebenso zu den Ausstellungstücken im DOK, wie ein Brief, der einen amerikanischen Kriegsgefangenen in Barth erreichen sollte.

Foto: C. H.

Barth.Return to sender!“ Nein, diese Worte haben nichts mit dem bekannten Song von Elvis Presley zu tun. Auch wenn es den Anschein hat. Aber genauso wie in dem Liedtext geht es auch hier um einen Brief, der nie sein Ziel erreicht hat. Abgeschickt wurde er vor über 62 Jahren in den Vereinigten Staaten. Die Adresse: „Lieutenant Warne S. May, Stalag Luft I“. „Doch leider fehlt der Name des Ortes – also Barth, wo sich das Stalag Luft I damals befand und sich heute als Gedenkstätte immer noch befindet“, sagt Helga Radau von der Dokumentations- und Begegnungsstätte (DOK). Ohne seinen Bestimmungsort erreicht zu haben, sei der Brief zurück in die USA gegangen. Der amerikanische Lieutenant habe also nie die aufmunternden Worte Marquerites gelesen, die ihm mit Sicherheit Trost und Kraft gegeben hätten, die Tortur der Kriegsgefangenschaft weiter zu überstehen, was doch sehr traurig sei, fährt Radau fort. Marquerite scheint eine Freundin seiner Familie gewesen zu sein, die ihm in dem Brief von Familienmitgliedern berichtet und erzählt, was zu Hause in Texas alles geschehen ist. Und wie durch ein Wunder hat ihr Brief – mittlerweile etwas vergilbt – die vergangenen sechs Jahrzehnte überdauert und schließlich doch noch seinen Weg nach Barth gefunden. Der Sohn von Warne S. May, John May, war zusammen mit seiner Frau nach Barth gekommen. Sie besuchten das DOK, wo sie sich die Ausstellung „12 von 750 Jahren – Barth in der Zeit von 1933 bis 1945“ ansahen. Das Ehepaar hatte persönliche Gegenstände des Vaters dabei, die dieser aus dem Stalag Luft I mit in die USA brachte und die sie dem Förderverein DOK nun als Geschenk übergaben. Darunter befindet sich eine Fotografie der Flugzeugbesatzung – drei junge Männer, die 1944 den Abschuss ihres Bombers nicht überlebten. Und eine handgezeichnete Karte von Europa mit möglichen Fluchtwegen aus Nazi-Deutschland gehört dazu, ebenso wie eine Zeichnung eines Barackenzimmers, in dem die Kriegsgefangenen ausharren mussten. Zudem die handschriftlichen Noten sowie der Text des Liedes „Low ist the sun“ – „Niedrig steht die Sonne“, das im Stalag Luft I gedichtet und komponiert wurde. „Ich nehme an, dass die Zeichnungen und die Niederschrift des Liedes von Warne S. May stammen“, sagt Helga Radau. Unter den Dingen, die seine Familie dem DOK übergab, ist ferner eine kleine Broschüre mit Verhaltensregeln, die den gerade befreiten amerikanischen und englischen Soldaten 1945 mit der Ermahnung, den Mund zu halten, in die Hände gegeben wurde, um noch gefangene Kameraden nicht zu gefährden, sowie eine Originalausgabe der „Stars and Stripes“ vom 8. Mai 1945, die damalige Tageszeitung der in Europa stationierten US-Streitkräfte, die dick „Victory“ („Sieg“) titelte. „Es sind beeindruckende und sehr persönliche Zeugnisse der Geschichte, die sich damals hier in Barth ereignete. Wir haben sie deshalb mit in die Ausstellung integriert“, erklärt Helga Radau.

C. H.

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