vom 26.09.2006

Söhne suchten Spuren des Vaters

Rex, Marc und Ian Shore aus Großbritannien besuchten kürzlich Stalag Luft I. Ihr Vater, ein Pilot der Royal Air Force, war dort inhaftiert.

Anklicken = VergrößerungAnklicken = VergrößerungMarc Shore (l.), der in Erinnerung und Wertschätzung an die Kriegsgefangenen die Uniform eines Piloten der Royal Air Force von damals angelegt hatte, ist ebenso wie seine Brüder und die anderen Mitglieder der Besuchsgruppe des Stalag Luft I davon überzeugt, die Stelle gefunden zu haben, an der einstmals John Shore den Fluchttunnel grub. Die Brüder Shore hatten bei ihrem Besuch das alte Taschenmesser dabei, mit dem ihr Vater den Fluchtweg in knapp vier Wochen gegraben hatte.

Barth Die Suche nach Spuren ihres Vaters führte die Brüder Shore nach Barth. Auf dem Gelände des ehemaligen Kriegsgefangenenlagers Luft I, das außerhalb, aber in Sichtweite der Stadt gelegen ist, forschten Rex, Marc und Ian Shore danach.

Ihr Vater, Lieutnant der Royal Air Force John Shore, war hier von März 1941 bis Mitte Oktober 1941 inhaftiert gewesen. Der Pilot war über Frankfurt am Main und Berlin nach Barth verbracht worden, nachdem sein Flugzeug über Holland abgeschossen wurde. Dort hatte ihn zunächst ein Pastorenehepaar versteckt. „Meine Eltern gaben ihm zu essen und versorgten seine Verletzung“, berichtete Kees van Everdingen, der die Brüder Shore nun gemeinsam mit dem britischen Historiker Howard Tuck und einem weiteren Freund nach Barth begleitete. „Um sie nicht weiter in Gefahr zu bringen, foAnklicken = Vergrößerungrderte John meinen Vater auf, die Polizei zu verständigen“, sagte Kees van Everdingen.

Ian (l.), Rex (zweiter von links) und Marc Shore stehen mit der Bartherin Helga Radau,
die sie über das Gelände von Stalag Luft I führte, vor dem Gedenkstein.

Doch John Shore hatte, wie so viele andere britische Soldaten und Offiziere, nicht die Absicht, lange ein Gefangener der Deutschen zu bleiben. Bereits während seines Transportes versuchte er zu fliehen. Aber erst im Stalag Luft I war er erfolgreich. Der Flieger entkam am 19. Oktober durch einen Tunnel, den er mit seinem Kameraden Jimmy James – dieser war kurz vor der Flucht jedoch geschnappt worden – mit Taschenmessern gegraben hatte. „Zu Fuß nach Stralsund und weiter mit der Eisenbahn nach Bergen und Saßnitz gelangte unser Vater versteckt auf eine schwedische Fähre und war Ende Oktober zurück in England“, erzählte Ian Shore, der wie sein Bruder Rex zum ersten Mal in Barth ist. Allein Marc Shore war zuvor hier gewesen.

Dabei ist Ian Shore von der Umgebung des ehemaligen Stalag Luft I fasziniert und spürbar von dem Gefühl elektrisiert, dem Vater hier nah zu sein. Als Jüngster der Brüder hatte er seinen Vater nicht mehr richtig kennenlernen können. Er war erst zwei Jahre alt, als sein Vater 1950 bei einem Probeflug ums Leben kam. „Der Besuch hier ist für mich deshalb sehr hilfreich. Er gibt die Gelegenheit zu sehen, was er sah, dort zu stehen, wo er stand, und ihn so verstehen zu lernen. Zudem kann ich mir hier vor Ort besser vorstellen, wie es für ihn als Kriegsgefangener gewesen sein muss“, bemerkte Ian Shore, währenddessen sein Bruder Marc in schlichter Würde und Wertschätzung für die gefangenen Männer die originale Uniform eines Piloten der Royal Air Force von damals anlegte. Die Brüder und Howard Tuck telefonierten an der Erinnerungsstele auch mit dem mittlerweile 91-jährigen Jimmy James in England. Dieser war aufgeregt von der Vorstellung, dass die Shores die Stelle des ehemaligen Abfallverbrennungsofens finden könnten, wo einstmals der Tunnel gegraben wurde. Und tatsächlich: Auf ihrem Weg über das mit Brennnessel hoch zugewachsene Gelände fanden sie ein großes Stück Schlacke, das auf Verbrennungen hinwies. Überzeugt am richtigen Ort zu sein, nahmen sie Erde von dort mit nach Hause.

Lieutnant John Shore war neben dem Kriegsgefangenen Harry Burton der einzige, dem erfolgreich die Flucht aus Stalag Luft I gelang.

Text und Fotos: CLAUDIA HAIPLICK

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